Initiative Maria 2.0 in Reutlingen - Scherbenhaufen und Hoffnungslichter

Die bundesweite Aktion „Maria 2.0“, mit der in der Woche vom 11. - 18. Mai auf die Misere in der katholischen Kirche aufmerksam gemacht wird, findet auch in Reutlingen ihren Widerhall.

Foto: Clara Leineweber
Foto: Clara Leineweber

Dass die Themen „Missbrauch, Pflichtzölibat, Umgang mit Wiederverheirateten und Homosexuellen und die Zulassung von Frauen zu allen Weiheämtern vielen Gläubigen unter den Nägeln brennen, zeigten die 200 GottesdienstbesucherInnen am Sonntagabend in der Heilig-Geist-Kirche. Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Gemeinden Reutlingens hatten die Feier vorbereitet und leiteten gemeinsam durch die Liturgie. „Wir stehen fassungslos, enttäuscht und wütend vor dem Scherbenhaufen unserer Zuneigung und unseres Vertrauens zu unserer Kirche“ - mit diesen Worten lud Pastoralreferentin Ulrike Neher-Dietz alle Anwesenden ein, ihre Verletzungen und Enttäuschungen auf Scherben zu schreiben. Manchen Gesichtern sah man an, dass die eigene Betroffenheit, der erlittene Schmerz schon lange auf eine Antwort wartet.

Das Liturginnen-Team nahm bewusst neben der Altarinsel Platz, um deutlich zu machen, dass Frauen am Altar noch immer keinen Dienst tun dürfen. Was ist das ausschlaggebende Kriterium, um Priester/in werden zu können? Das Mann-Sein Jesu? Oder sein Jude-Sein, sein Beschnitten-Sein oder der Erst-Beruf seiner Jünger? Diese Frage stellt sich, wenn man als Frau die Berufung spürt, Priesterin zu werden, Sakrament spenden zu können und an Entscheidungsprozessen innerhalb der Kirche teilzunehmen – und dies alles deshalb nicht möglich ist, weil man als Frau geboren wurde. Biblische Frauen fanden in besonderer Weise die Anerkennung und Wertschätzung durch Jesus. Heutige (junge) Frauen fragen oft gar nicht mehr nach diesen Umgangsformen in der Kirche – sie bleiben einfach weg, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen und sich nichts mehr erhoffen.

Der zunehmende Priestermangel wird dazu führen, dass immer seltener die Eucharistiefeier stattfinden kann. Symbolisch dafür blieben auch am Sonntag Kelch und Hostienschale leer! Stattdessen kamen die GottesdienstbesucherInnen miteinander ins (Schreib-) Gespräch. Auch hier war die Betroffenheit über mangelnde Barmherzigkeit, mangelnden Mut und fehlendes Schuldbewusstsein innerhalb der Kirche zu spüren – und die Erleichterung, dass diese Themen endlich in einem Gottesdienst auf den Tisch kommen. Die Christen wünschen sich einen Aufbruch in Richtung Gleichberechtigung, wenn die Kirche zukunftsfähig sein will. Dazu entzündeten sie Hoffnungslichter und platzierten sie am Scherbenhaufen. Nun bleibt die Hoffnung, dass dieser Funke auch auf die Bischöfe und bis nach Rom überspringt, damit sich unsere Kirche endlich bewegt!

Gabriele Ruppert, Gemeindereferentin Seelsorgeeinheit Reutlingen Mitte / Eningen